Über die Anfänge der Streichinstrumente erzählt man sich, dass die Göttin Parvati, die Frau Shivas, sich entschlossen hatte, dem Menschen etwas zu schenken, weil sie angesichts des Schicksals, das ihn bei seinen irdischen Abenteuern erwartete, Mitleid empfand; etwas das ihn vor Dämonen schützen und ihm ermöglichen sollte, auf Erden die Welt der Götter zu finden, falls er es wollte.

Aber Shiva, eifersüchtig über diese Aufmerksamkeit, zerstörte ihr Geschenk mit einem einzigen Schlag. Die Bruchstücke fielen in die Meere und auf die Wälder herab, schufen die Muscheln und die Schildkröten, drückten sich in das Holz der Bäume ein, sanken sogar bis hinab in die Hüften der Frau. Unversehrt gelangte zum Menschen nur der Bogen, er wurde jedoch durch viele Generationen als Waffe benutzt. Er war die erste schwingende Saite.

Viele göttliche Zeitalter sollten vergehen, bis es den Menschen gelang, aus einem Schildkrötenpanzer ein erstes Saiteninstrument zu bauen, das jedoch noch mit den Fingern gezupft wurde.

Erst als sich das letzte und furchterregendste Zeitalter näherte, entdeckte der Mensch, wie sein Bogen gebraucht werden konnte, um Saiten zum Schwingen zu bringen und auf diese Weise den anhaltenden Ton nachzuahmen, der die Welt geschaffen hatte, den Hauch, den Shivas, des tanzenden Gottes, wirbelndes Kleid hervorbrachte.

Er, der das Universum regiert und die Ordnung aufrechterhält.

Aus Paolo Maurensig: „Spiegelkanon“