Wir sind alle Kontrollfreaks

 
Vor ein paar Tagen traf ich mich mit einer Schulfreundin und deren Partner, den ich kennenlernen sollte/wollte. Ein nettes Pärchen. Wir unterhielten uns angeregt. Irgendwann streiften wir das Thema Glaube/Religion. Als ich den Freund meiner Freundin nach seinen Ansichten fragte, gab er mir eine Antwort, die für viele andere Deutsche seiner Generation hätte stellvertretend sein können. Nachdem er katholisch erzogen worden war, habe er sich sein eigenes Weltbild gemacht. Man könne ihn als Atheisten bezeichnen. Er sei ein positiver Mensch und sorge sich um die Gemeinschaft, aber er glaube nicht an einen Gott, eine höhere Instanz. Seiner Meinung nach regiere der Zufall. Sein Weltbild sei für ihn schlüssig, überschaubar, innerhalb kontrollierbarer Grenzen. Bei den Stichworten „überschaubar“ und „kontrollierbar“ klingelten es innerlich bei mir. Meiner Meinung nach haben wir es in Deutschland schon fast mit einem kollektiven Kontrollzwang zu tun. In kaum einem anderen Land gibt so viele Sicherheitsvorkehrungen und alles wird bis ins letzte Detail (gesetzlich) geregelt. Dennoch sind nach meiner Beobachtung viele Menschen in Deutschland trotz hohem Lebensstandart deutlich unsicherer und besorgter um ihre Zukunft, als beispielsweise in Indien. Woran liegt das? Eine Erklärung könnte sein, dass der Kontrollzwang Symptom einer inneren Unsicherheit ist. Kontrolle in Maßen ist durchaus nützlich. Doch wenn das Bedürfnis nach Kontrolle den Spirit einsperrt in einen Käfig, ist etwas aus dem Lot geraten. Dann gerät man schnell in einen Teufelkreis: aus innerer Unsicherheit folgt übermäßige Kontrolle, die die Unsicherheit nur verstärkt. (denn ein Übermaß an rechter Seite geht auf´s Herz). Das Göttliche ist unkontrollierbar. Sein Wirken erfolgt nicht nach einer für uns erkennbaren Logik. Mit unserem begrenzten Verstand ist es nicht zu fassen – aber es ist erfahrbar. Für den, der (zumindest in diesem Moment) alle Kontrolle fahren lässt und sich mit reinem Herzen der Erfahrung hingibt.

 

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  1. Yvonne

    Vertrauen ist die halbe Miete…
    Wenn ich vertraue, daß alles zum besten wird (so oder so) kann es ruhig auch unkontrolliert zugehen.
    Es gibt so viele Wege, die kann man sich in den kühnsten Träumen nicht ausmalen. Und wenn man Neues einfach mal zuläßt und beobachtet wird man sehr staunen, wie alles klappen kann, ohne daß man Kontrolle darüber hat. 🙂

  2. Stephan

    Ein sehr interessantes Thema.
    Wer an nichts als an die sichtbare Realität glaubt, setzt sich einem hohen Druck aus. Denn in diesem Weltbild ist jeder selbst komplett für sein eigens Glück oder eben auch Unglück verantwortlich.

    Es gibt einen wunderbaren TED talk von Alain de Button zu diesem Thema: http://www.ted.com/talks/alain_de_botton_a_kinder_gentler_philosophy_of_success.html

  3. Das trifft den Nagel auf dem Kopf. Deutsche Bürokratie gepaart mit Kontrolle und Gründlichkeit ist eine recht explosive Mischung. Dem zu Grunde liegen Angst und das Ego. Wie schön ist es doch Dinge spontan und mit Leichtigkeit einfach geschehen zu lassen. Das Vertrauen erwächst dann von ganz allein.

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