Ein Besuch bei einer Homöopathin

 
 
Neulich war ich bei einer Homöopathin. In einer Angelegenheit, in der eine annähernd „ganzheitliche“ Behandlung angesagt war, wand ich mich an eine Homöopathin, bei der ich einmal vor Jahren erfolgreich in Behandlung war. Engagement wird bei dieser Homöopathin groß geschrieben. Auf meine Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter hin, ruft sie mich gleich zweimal zurück. Sie brauche mehr Zeit für die Anamnese (bei meinem ersten Besuch ca. 2 ½ Stunden) und bleibe deshalb private Ärztin, da die Krankenkassen einen solchen Zeitaufwand nicht für nötig befänden. Ich dürfe sie jederzeit anrufen, falls mir noch etwas einfällt, dass zur Arzneifindung von Bedeutung sei. Was das sein könnte? Eigentlich alles: körperliche und emotionale Befindlichkeit zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten, Essens- und Wettervorlieben, Familiengeschichte, Krankheiten.. Das nenn ich ganzheitlich..

Beim ersten Termin nimmt sie mich sogar auf Video auf, um sich dann die 2 ½ Stunden Gespräch nochmal beim sogenannten „Repertorisieren“ zu Gemüte zu führen.

Der Körperbau der Homöopathin ist zierlich, aber tough. Ihre Bewegungen sind leicht hektisch und die Sprache gleicht einem Singsang. Vermutlich eignet man sich das an, wenn man sich stundenlang winzige Details aus dem Leben anderer Menschen anhören muss. Die Haltung ist leicht gebeugt – das kommt bestimmt vom vielen Repertorisieren.

Gleich zu Beginn fällt mir ein riesiges Ekzem an ihrer rechten Hand auf. Ich versuche nicht hinzusehen. Jeder andere Arzt würde sich schämen, würde es doch seine Kompetenz in Frage stellen. Die Homöopathin jedoch trägt Hauterkrankungen jedweder Art mit Stolz zur Schau – sind sie doch nach homöopathischen Glaubenssätzen ein Beweis dafür, dass sich „die Störung“ nur noch auf der „oberflächlichsten Ebene“ befindet.

Als sie mich nach Hauterkrankungen fragt und ich ihr stolz berichte, dass ich einen Pilzbefall mit einer Salbe aus zwei verschiedenen Antibiotika und einem Cortison erfolgreich behandelt habe, schlägt sie die Hände über dem Kopf zusammen. Außerdem soll ich mein Shampoo und meine Hautcreme wechseln und am besten nur noch Wasser und Melkfett verwenden. Nachdem ich das Buch „Impfen – das Spiel mit der Angst“ auf ihrem Regal entdeckt habe, entschließe ich mich aus Gründen der Diplomatie meine zahlreichen Impfungen zu verschweigen.

Mir scheint, ich bin in einem Bereich angekommen, in dem das Ergänzungsprinzip nicht mehr funktioniert. Das gefällt mir nicht – zum Teil aus Bequemlichkeit (ich finde, mein Shampoo riecht so gut), zum Teil aus Prinzip. Wenn man dem schwefelhaltigen Shampoo oder der Hautcreme mit Zink soviel Bedeutung beimisst, macht das das Leben ungeheuer ernst und kompliziert. Dann mag die homöopathische Arznei zwar wirken, aber gleichzeitig verliert man ein gutes Stück Lebensfreude und Unbeschwertheit.

Ich habe mich für einen Kompromiss entschieden. Ich habe bereits gute Erfahrungen mit Homöopathie gemacht, deswegen ziehe ich sie gern zu Rate. Aber ich behalte meinen gesunden Menschenverstand und mein Shampoo und hoffe, dass die Arznei trotzdem wirkt.

Außerdem habe ich einen entscheidenden Vorteil, von dem meine Homöopathin allerdings nichts ahnt. In der täglichen Meditation erwacht meine eigene Lebenskraft jeden Tag auf´s Neue und versorgt meinen Körper mit mehr „Heilungsimpulsen“, als es eine Arznei jemals vermag..

 

 

 

 

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  1. Bärbel

    Ein Homöopath mit Hautekzem ist doch ein bisschen wie ein Yogi mit workout, oder?
    Ein Homöopath, der das Anti-Impfbuch auf dem Regal hat, ist doch ein bisschen wie ein Yogi, der z.B. „der Advent“ auf dem Regal hat – halt etwas, was die meisten Vertreter dieser Gattung lesen würden.
    Ein Homöopath, der gegen Cortison und Antibiotika ist, weiß halt, dass es auch anders geht.
    Und eine fanatisch scheinende Homöopathin meint es auch nur gut 🙂 Übereifrig sind wir doch alle gelegentlich…
    Liebe Grüße von einem großen Homöopathiefan 😉

  2. Yvonne

    am ende des tages muß dann doch jeder selbst entscheiden, welches shampoo, oder manchmal welches pilzmittel und ob nicht noch erst mal einen homöopathischen versuch starten.
    wie immer hat die medaille zwei seiten..
    jeder kann sich glücklich schätzen, der die unterscheidungsfähigkeit in sich trägt seinen weg für sich gut zu gestalten – und im richtigen moment zum richtigen shampoo greift; oder auch mal zum cortison-spray!
    es gibt halt einfach kein allgemein gültiges standard rezept für alle menschen und situationen.
    deshalb meditiere ich, damit ich mich selbst erfahre und weiß, wann und was gut und richtig für mich ist. damit ich entscheiden kann, welchem arzt oder homöopathen ich vertraue und welchem nicht.
    meinungen gibts wie sand am meer. die entscheidung liegt aber meistens bei uns, was und von wem wir etwas annehmen…

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