Die Sahaj-Kolumne: Im Auto mit meiner Freundin, der Sizillianerin

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Ich liebe Autofahren. Autofahren ist für mich ein Stück Luxus, auf das ich ungern verzichte. Zu unserem Dienstagmorgens-Programm fahren meine Freundin und ich abwechselnd ins Berliner Sahaja Yoga-Zentrum. Meine Freundin stammt zwar aus Sizillien, hat aber ihren Fahrstil größtenteils deutschen Verhältnissen angepasst – größtenteils. Hin und wieder bricht völlig unvorhergesehen das sizillianische Temperament hervor. Das sind Momente, die ich insgeheim genieße. Zum einen, weil sie mich zum Schmunzeln bringen, zum anderen, weil ich immer wieder dazulerne. Ich lerne allerhand Nützliches, z.B. wie man den Zweikampf um einen Parkplatz in der Berliner Innenstadt gewinnt. Und ich bekomme völlig neue Einsichten in den Aufbau des Universums. Eine solche Einsicht bescherte mir folgendes Ereignis.

Wir waren gemeinsam tanken. Frisch aufgetankt wollten wir uns wieder in den Verkehr einfädeln. Doch leider hatten wir keine Vorfahrt. Doch das stört den echten Italiener wenig und das war einer der Momente, in denen das italienische Temperament meiner Freundin sein Recht forderte. Meine Freundin fuhr schwungvoll an. Die andere Autofahrerin (offenbar eine Deutsche) beharrte aber auf ihrem Vorfahrtsrecht. Beide Autos hielten an und für ein paar Sekunden wusste keiner, wer zuerst fahren sollte. Das Gesicht der anderen Fahrerin verzog sich zu einer Grimasse der erbosten Entrüstung und hinter ihrer Scheibe stieß sie offenbar Flüche aus. „Imme diese Deutsche, für die sind Regele so wischtig!!“ konterte meine Freundin, war aber spontaner und fuhr blitzschnell auf die Hauptstraße – vorbei an der nach Luft schnappenden Deutschen. (An dieser Stelle ist anzumerken, dass meine Freundin im Allgemeinen überhaupt kein Problem mit Deutschen hat.) Ich war fasziniert. Eine solche Perspektive hatte ich mit meinem deutschen Verstand nicht für möglich gehalten! Regeln sind für mich immer so absolut.

Das erinnerte mich daran, dass Regeln ab und zu auch mal gebrochen werden müssen z.B. bei einer Notlüge, um die andere Person nicht zu beunruhigen/verletzen. In solchen Momenten kommt es dann auf die Intention an.

Shri Krishna ist die Deität, die uns daran erinnert, dass das ganze Leben ein Spiel (Leela) ist. Er ist derjenige, der die trockene Regeltreue, die als Reaktion auf die Inkarnation von Shri Rama entstand, wieder neutralisierte. Damit will ich nicht dazu anregen, die Verkehrsregeln zu ignorieren – beileibe nicht! Aber versuchen Sie doch mal ab und zu mehr mit dem Herzen zu denken und Regeln nicht immer so absolut zu sehen ;-)

Annika

4 Responses to “Die Sahaj-Kolumne: Im Auto mit meiner Freundin, der Sizillianerin”

  1. isar21 Says:

    Auch die ausgesprochene “Wahrheit” ist nicht absolut. Man kann beispielsweise durchaus auch einmal darauf verzichten jemanden mit einer Wahrheit zu konfrontieren, die nur zu Verletzungen und Missverständnissen beim Gegenüber führen würden. Shri Mataji hat uns in so vielen Beispielen gezeigt wie etwas ernstes und unangenehmes, freundlich und mit Humor gesagt werden kann. Sweet, mit Respekt, jeder behält seine Würde, und trotzdem kommt die Botschaft an.

  2. Bärbel Says:

    Haha :-) Ich habe die Italiener lieben gelernt, als ich mich in Genua einmal total verfahren hatte, an den unmöglichsten Stellen anhielt und wendete und rückwärts fuhr und vermutlich in der Aufregung auch über ziemlich rote Ampeln und gegen Einbahnstraßen. Die einzige Reaktion, die ich dafür erntete, war hie und da ein mildes Hupen, das mehr einem verständnisvollen Lächeln glich.Und weil mir alles mit Händen erklärt wurde, konnte ich auch prima Italienisch verstehen. Italia, ti amo :-) ))
    Bärbel

  3. Katja Says:

    Ich stimme zu, Regeln nicht immer so absolut zu folgen!!!! ;-)
    Dazu möchte ich sagen, dass immer wenn man in Deutschland von 8 bis 16 Uhr 30 km fahren muss, alle fahren auch nach 16:00 uhr immer weiter 30 km. Das wäre aber in italien unmöglich, die Italiener achten im Gegensatz dazu kaum auf tempo 30 ,was natürlich auch nicht gut ist. ;D

  4. Leela Says:

    Einmal wollte ich auf einem Gemüsemarket in München ein Apfel kaufen. Es war 17:03 Uhr.
    Der Verkäufer schaute mich mit bedauerndem Gesichtsausdruck an und sagte:

    “Es tut mir leid, junges Fräulein, aber der Markt hat nur bis 17:00 Uhr offen”.
    Ich versuchte alles um doch noch an einen Apfel zu kommen aber er blieb beharrlich. 17:03 ist nicht 17:00 und Gesetz ist Gesetz, so leid es ihm tut er kann mir den Apfel erst am nächsten Tag verkaufen.

    Ich fand es amüsant. Aber eigentlich ist es eine grossartige Qualität des rechten Herzens. Man sollte zwar ab und zu ein paar Gesetze brechen um dem Menschlichen Vorzug zu geben und nicht wie ein Roboter ohne freien Willen zu wirken, aber im Grossen und Ganzen ist es schon eine tolle Eigenschaft :-) Vieles funktioniert nur wegen diesem allgemeinen Konsens so gut und effizient in Deutschland.

    Wir alle lieben Italiener, weil sie dem Menschlichen ständig Vorzug geben :-)
    Einmal habe ich in Italien ein Auto angehalten, weil ich mich verlaufen habe. Konnte kein Italienisch, machte also mit der Hand eine Wellenbewegung und sagte “aqua”. Das sollte heissen: “Wie komme ich zu dem Wasserfall?”. Der Italiener stieg aus seinem Auto aus, öffnete den Kofferraum, nahm eine grosse Flasche Mineralwasser raus, gab sie mir und fuhr zufrieden davon.
    Ist es nicht herzig?

    (trotzdem würde ich lieber ein deutsches Auto kaufen :-)

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