Die Sahaj-Kolumne: Rom – Sightseeing und was sonst noch so passierte

Alle Wege führen bekanntlich nach Rom. Dass aber keiner hinausführt, mussten mein Mann und ich schmerzlich erfahren, als wir kürzlich versuchten, aus Rom abzureisen. Der erste Flieger fiel aus, der nächste (zwei Tage später) erreichte Berlin nur mit erheblicher Zeitverzögerung. Aber das nur am Rande.

Rom ist definitiv eine Reise wert. Sieht man sich den Stadtplan an, verwundert als erstes, dass eine Stadt, deren Einwohnerzahl auf 6 Mill. geschätzt wird, mit zwei U-Bahnlinien auskommt. Macht man sich dann auf den Weg, stellt man fest, dass sie eben nicht damit auskommt – zumindest zu Hauptverkehrszeiten wäre Ölsardinenbüchse eine treffendere Bezeichnung als Metro. Macht man den Fehler und geht Sightseeing am Wochenende, sollte man als Gruppe ein Erkennungszeichen vereinbaren z.B. eine Schirmmütze mit Propeller, sonst kann man sich leicht verlieren. Ich kann mir gut vorstellen, dass im alten Rom ein ähnlich geschäftiges Treiben wie heute herrschte. An jeder zweiten Ecke sieht man Afrikaner gefälschte (oder frisch gestohlene echte) Gucci- und Prada-Taschen verkaufen. An allen anderen Ecken stehen Künstler, die touristenwirksame Motive im Akkord malen und feilbieten. Ungefähr alle drei Minuten gibt es historische Bauwerke zu entdecken, die alle dem Motto folgen „klotzen nicht kleckern“. An Opulenz ist Rom wohl kaum zu überbieten. Runde, barocke Formen, die völlig asymmetrische Anlage von Straßen und Gässchen, Marienaltäre oder -darstellungen tragen genauso zum Charme der italienischen Hauptstadt bei wie die gepflegte Nostalgie, die überall anzutreffen ist. Der Herrenschneider sieht aus wie in den 50er Jahren, gleich daneben der Herrenfriseur – ebenfalls wie eine Szenerie aus einem alten Film. Tja, die Italiener haben Stil. Mitten im buntesten Treiben entdeckte ich ein Geschäft für sage und schreibe – Puppenkleider! Ich war entzückt! Und gleich kam mir der Gedanke, dass es so etwas in Deutschland wohl nicht gibt – ein solch unzweckmäßiges Geschäft (viele kleine Mädchen würden das sicher anders sehen) an einem strategisch so wichtigen Punkt (an dem ca. 500 000 Touristen pro Tag vorbei kommen). Fantastisch! Hier werden alle Fesseln der Zweckmäßigkeit und Zielorientiertheit gesprengt und verspielte Ästhetik wird zu einem der höchsten Maße. Welch befreiendes Gefühl!

Die besten Vibrationen hatten für uns folgende Orte:

  1. das Pantheon (ein Tempel aus vorchristlicher Zeit; ein architektonisches Wunderwerk, das immernoch die größte Kuppel der Welt besitzt – und einige sehr schöne Mariendarstellungen)
  2. die Kirche Santa Maria Maggiore mit einer Statue von Maria und Sohn, die Shri Maria in Form von Shri Durga darstellt (Siehe Bild)
  3. der Trevibrunnen (Darstellung des Gottes Oceanus und zwei Tritonen, die je ein gezähmtes und ein wildes Pferd führen – Ego und Superego?!)
  4. das Kapitol (kleinster der sieben Hügel Roms, von denen jeder je ein Chakra darstellt; Gebäude und Bodenrelief von Michelangelo designed, das Bodenrelief ist übrigens das Mandala des Herzens – ein Stern mit 12 Spitzen)

Nach dem Sightseeing stiegen wir in einen Bus zurück zum Hotel. Mit uns stiegen auch zwei Italienierinnen ein. Die eine war sichtlich erbost über irgendetwas, für das sie den Busfahrer verantwortlich machte (vielleicht hatte sich der Bus erheblich verspätet?). Jetzt weiß ich, warum die Busfahrer in Italien durch eine Plexiglasscheibe vor den Fahrgästen beschützt werden. Diese Italienerin steigerte sich binnen Sekunden um ziemlich viele Dezibel und boxte gegen die Plexiglasscheibe, als der Busfahrer contra gab. Ein älterer Herr und ihre Freundin mischten sich sogleich ebenso lautstark in die Debatte ein. Zwei Minuten höchster Emotionen (und Lautstärkepegel) – dann mussten die zwei Damen bereits aussteigen. Jetzt musste ich den Busfahrer nach unserer Haltestelle fragen und getraute mich kaum. Ist ein Berliner Busfahrer erstmal verärgert, ist mit ihm für den Rest der Strecke nicht gut Kirschen essen. Nicht so der italienische Busfahrer. Er beantwortete meine Frage frohgemut, als hätte es die Auseinandersetzung vor einer Minute gar nicht gegeben. Jetzt weiß ich, was mit der Redensart „frei weg von der Leber“ gemeint ist. Ein Italiener sieht keinen Sinn darin, seine Gefühle für sich zu behalten. Dennoch – so schnell das Gewitter ausbricht, so schnell verzieht es sich wieder und macht strahlendem Sonnenschein platz. So viel gute Laune wie in Rom habe ich selten in der U-Bahn erlebt (trotz der beengten Verhältnisse). Italiener sind vielleicht nicht immer politisch korrekt, aber sie verstehen zu leben – soviel steht schon mal fest.

Annika

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