Die Sahaj-Kolumne: Trainingscamp für Yogis

Ich lese gerne Urlaubsanzeigen. Sie beflügeln die Phantasie. Bei „Urlaub in Bansin auf Usedom: Komfortable Ferienwohnung, für 2-3 Personen, 1 Minute zum Strand, gr. Balkon mit Meerblick“ kann ich mir den „Meerblick“ lebhaft vorstellen und schmecke die salzige Meeresluft auf meinen Lippen. Zwei Minuten Kopfkino – dann sitze ich wieder in unserer Küche und der Abwasch wartet. Folgendes ist mir beim Studium zahlreicher Urlaubsanzeigen aufgefallen: Es gibt kaum einen Ort, an dem nicht Ferien gemacht werden. Frei nach dem Motto „Das Gras ist grüner auf der anderen Seite des Zauns“ heißt Urlaub vor allem weg fahren, woanders hinfahren. So gibt es durchaus eine Menge Leute, die ihre Ferien in unserem Ort verbringen. Das brachte mich auf eine Idee: Wie würde eine Anzeige für unsere (Ferien-) Wohnung lauten?

Komfortable 2-Zimmerwohnung, 3 Minuten zum Bahnhof und zur nächsten Pferdekoppel, Garten (bei dessen Nutzung man aber unter der strengen Beobachtung der Nachbarn steht).“

Sowieso ist jeder Yogi, der Schuldgefühle und/oder gewisse deutsche Prägungen ausarbeiten möchte, herzlich eingeladen, in unserer Wohnung Probe zu wohnen. Unsere Nachbarn sind dafür nämlich ideale Sparringspartner. Mit der Zeit habe ich sie richtig lieb gewonnen. In Zeiten von Einbruchsserien habe ich unser hermetisch abgeriegeltes Zuhause und den mit Argusaugen darüber wachenden pensionierten Kriminalkommissar aus dem Erdgeschoss zu schätzen gelernt. Dass er und seine Frau zuweilen unsere Mülltonne kontrollieren und aus Wurmbefall eine Staatsaffäre machen – darüber habe ich gelernt hinwegzusehen. Dass wir zahlreiche, insb. ausländische Gäste empfangen, dem haben sich die Nachbarn bereits angepasst. Als einige Yogis vor kurzem zu Besuch waren, hing kurz darauf ein Schild an der Haustür: „Bitte Schuhe reinigen! Please clean your shoes!“ Kurz nachdem wir eingezogen waren, wurden wir regelmäßig für alles verantwortlich gemacht, das im Hause kaputt ging. Bis mir einmal der Kragen platzte und ich den ehemaligen Kriminalkommissar darüber aufklärte, dass wir keine Schwerverbrecher seien und die mutwillige, sukzessive Zerstörung dieses Gebäudes nicht unser Hobby sei. Danach war Ruhe. Leider kam hier u.a. ein Muster zum Vorschein, dass in Deutschland recht verbreitet ist: Materialismus/Erhaltungswahn überlagert das Herz. Sich über die irreversible Beschädigung eines Gegenstands aufzuregen (ist sowieso total sinnvoll!) ist wichtiger, als auf die Gefühle des anderen Rücksicht zu nehmen. Lasst uns das umkehren und die Materie verweisen auf den Platz, der ihr gebührt – nämlich das Zusammenleben der Menschen zu unterstützen.

Frohe Ferien! :-)

Annika

One Response to “Die Sahaj-Kolumne: Trainingscamp für Yogis”

  1. Figen Says:

    ich warte schon auf deinen nächsten Text, du gibst mir ein lächeln Annika, danke. Es geht bestimmt vielen so wie mir. JSM…

Kommentieren