Die Göttliche Mutter im frühesten Christentum

Der Religionswissenschaftler Hermann Usener machte 1889 in seinem Buch „Das Weih-nachtsfest“, vermutlich als erster wieder darauf aufmerksam, dass der Heilige Geist eigentlich weiblich-mütterlicher Natur sei. So schrieb er: „Es lässt sich auch der Beweis heute noch führen, dass der Taufbericht (Jesus Taufe im Jordan) dieses Evangeliums (Matthäus) von Anfang in semitischer Sprache niedergeschrieben war und in dieser Gestalt längerhin verbreitet wurde. Der darin gebrauchte Ausdruck für den Heiligen Geist war ruha (ruach), und dieses Wort war weiblichen Geschlechts. Deswegen wurde der Heilige Geist als Göttliche Mutter des Erlösers gefasst, und nicht nur in der Stelle von der Taufe; es waren in jenem Evangelium dem Heiland die merkwürdigen Worte in den Mund gelegt: ‚Eben hat mich meine Mutter, der Heilige Geist, an einem meiner Haare gefasst und auf den großen Berg Tabor getragen’.“ Gemeint ist hier das Hebräer-Evangelium, das aus sehr frühen judenchrist-lichen Kreisen stammte. Leider sind nur noch Bruchstücke daraus überliefert. So etwa auch: „Es geschah aber, als der Herr aus dem Wasser heraufgestiegen war, stieg die ganze Quelle des Heiligen Geistes (die Heilige Ruach) auf ihn herab und ruhte auf ihm und sprach zu ihm: Mein Sohn, in allen Propheten erwartete ich dich, dass du kämst, und ich in dir ruhte. Denn Du bist meine Ruhe; du bist mein erstgeborener Sohn, der du herrschest in Ewigkeit.“ (Kein Wort von der Taube!). Natürlich ist auch im 2. Zitat von diesem ursprüchlich hebräisch abgefaßten Evangelium grundsätzlich die Göttliche Mutter gemeint. Der frühe Klerus hatte dieses Evangelium als apokryph diffamiert. Man hatte ein panische Angst davor, dass in die junge christliche Religion eine Göttin käme. Im Thomas-Evangelium erscheint die Heilige Mutter als „meine wahre Mutter“.

Die Heilige Ruach (Heiliger Geist) wurde in der frühesten Christenheit in weitesten Kreisen, besonders in Palästina und Syrien, als eine mütterlich-weibliche Gotteskraft angesehen. Merkwürdigerweise gibt es auch noch eine Überlieferung aus der Zeit kurz vor dem Jahre 100, worin von Erscheinungen der Göttlichen Mutter berichtet wird. Der Empfänger war ein Priester in Rom. Man kann sich nur wundern, weshalb diese Schrift später nicht vernichtet worden ist*.

In der Evangelischen Kirche gab es in der Zeit von etwa 1880-1927 eine liberale theologische Phase, wo auch versucht wurde Überlieferungen ans Licht zu bringen, die die Existenz des Heiligen Geistes als Göttliche Mutter belegen. Heute will man davon nicht mehr viel wissen. Im 4. Jahrhundert verlieren sich dann auch die letzten Reste über die Göttliche Mutter in der altchristlichen Literatur durch den immer stärker werdenden Einfluß des katholischen Klerus.

In der antiken Stadt Edessa (heute Şanliurfa, Türkei), die einmal als die Stadt des Apostel Thomas gegolten hat, gab es eine christliche Taufformel, worin die Göttliche Mutter angerufen wurde.

Crawford Burkitt schrieb 1907 in seiner aufschlussreichen Monographie „Das Urchristentum im Orient“ (1907) über den christlich-syrischen Schriftsteller Aphraates (etwa 270-345): „In der älteren syrischen Literatur, die vom Einfluss des Griechischen noch frei war, ist daher der Geist als weiblich bezeichnet…Mit diesem Sprachgebrauch stimmt Aphraates durchaus überein, wenn er in der Doxologie (feierlicher Lobpreis Gottes) schreibt: ‚Herrlichkeit und Ehre dem Vater und dem Sohne und seinem Geiste, dem lebendigen und heiligen’, wo ‚lebendig’ und ‚heilig’ in der älteren Handschrift weibliche Adjektiva sind. Aber er geht noch weiter; und zwar ist es für ihn nicht grammatische Haarspalterei, wenn er es tut. In seiner Abhandlung ,Über die Jungfräulichkeit’…sagt er: …„Solange der Mensch kein Weib nimmt, liebt und ehrt er Gott, seinen Vater, und den heiligen Geist, seine Mutter, und er hat keine andere Liebe“… Später in der Pešitta (alte syrische Bibel)„ist sie in er verändert…Aber an manchen Stellen hat sich selbst in der Pešitta das Femininum (noch) erhalten“. Derselbe weiter: „Doch zurück zu Aphraates! Auch seine Lehre von der Person Christi entfernt sich im Ausdruck weit von dem, was in späterer Zeit geläufig war. Aber wie seine Lehre vom Hl. Geist nichts Neues war, sondern ein Überbleibsel aus den ersten Zeiten christlichen Denkens…“. Der Autor Nielsen (1922) äußerte sich ähnlich: „Der heilige Geist ist ursprünglich weiblich. Die alte, von den Judenchristen festgehaltene und noch bei Aphraates vorkommende Anschauung ist die, dass rûha de kudša (der Heilige Geist) die Mutter des Messias ist, welche sich bei der Taufe mit Jesus von Nazareth vereinigt“. Selma Hirsch erklärt in ihrer Broschüre (1927) über das „Pneuma Hagion“ (Heiliger Geist): „Die ‚himmlische Mutter’ der weibliche heilige Geist, hat in der Gedankenwelt des Urchristentums eine nicht unbedeutende Rolle gespielt.“ Die feministische Theologin Helen Schüngel-Straumann stellt später fest: „Sowohl in der Symbolik als auch in vielen Strömungen der alten Kirche blieb der weiblich-mütterliche Aspekt der Geistvorstellung noch lange erhalten.“

Dieter

*311/312 n. Chr. wurde im römischen Imperium Religionsfreiheit eingeführt und die Christenverfolgungen fanden ein Ende. 70 Jahre später war die Katholika Staatsreligion und alle anderen Religionen wurden verboten. Der kath. Kaiser ließ alle Schriften, die dem Klerus nicht genehm waren, einsammeln und vernichten, sogar Bibeln. Allerdings war es schon Konstantin dem Großen (reg. 306-337, allein ab 324) bereits darauf angekommen nichtkatholische, christliche Religionsgemeinschaften zu bekämpfen. Andersgläubige wurden von nun an verfolgt, verbannt oder gar ermordet. Es wurde auch enorm gefälscht, so etwa die angebliche „Konstantinische Schenkung“. Nach diesem Erlaß sollte ganz Italien und mehr der

Kirche gehören. Es dauerte 2-3 Jahrhunderte bis man diesen als Fälschung erkannt hatte.

One Response to “Die Göttliche Mutter im frühesten Christentum”

  1. katharina Says:

    Woow, sehr aufschlussreich, danke für die tolle Recherche! Und eine wunderschöne Shri Adi Shakti Puja :) (manche übersetzen den artikel mit “die Puja” statt “das Puja” ins deutsche :) )

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