Die Sahaj-Kolumne: Queen of Berlin

Sitcoms sind weiterhin auf dem Vormarsch. Im Vorabendprogramm ist für jeden Geschmack etwas dabei. Und verpasste Sendungen lassen sich im Internet nachholen. Das lässt auch Yogis nicht kalt. Ich bin seit Jahren erklärter Fan von „King of Queens“, arbeite mich in regelmäßigen Abständen durch die 9 Staffeln. Sitcoms sind Balsam für die Seele. Bei allen Kompliziertheiten meines Lebens kann ich mich darauf verlassen, dass Doug Carrie immer wieder in die aberwitzigsten peinlichen Situationen bringen wird.

Viele Sitcoms zeigen einfach ein humoriges Abbild des ganz normalen Alltags. Ganz normaler Alltag – den haben wir alle. Ein Skript für eine Sitcom hat also jeder. Wieso lachen wir dann nicht so häufig? Die Antwort ist einfach: Die Charaktere selber lachen nicht. Wer lacht, ist das Publikum, das entweder live im Studio sitzt oder dessen Querschnitts-Lache an entsprechender Stelle eingespielt wird. Das heißt, unser Leben bietet Stoff für eine Sitcom, aber wir können nicht so oft lachen, weil wir zu involviert sind. Nehmen wir die Perspektive des Beobachters ein, können wir den Humor in Situationen erkennen und sie leichter nehmen.

Ich nehme mir vor, mein Leben einen Tag lang als Sitcom zu betrachten. Am Morgen komme ich nicht rechtzeitig aus dem Bett. Es gibt an düsteren Herbstmorgen einfach keinen schöneren Ort auf Erden als das kuschelige Bett. Aber auch hier wirkt die Polarität. Jede zusätzliche Kuschelminute kostet mich eine Meditationsminute. Da heißt es, Prioritäten setzen, was im schlaftrunkenen Zustand keine leichte Übung ist. Ich stehe eine halbe Stunde später auf als geplant und muss alles im Eiltempo erledigen.

Unsere Schildkröte Strolch liegt mal wieder auf dem Rücken und muss umgedreht werden. Ich renne aus dem Haus, um die Bahn zu erwischen. Mein Nachbar begegnet mir mit vorwurfsvollem Blick in der Einfahrt. Da war doch was.. Ach ja, heute wird der Restmüll abgeholt. Und unsere Tonne quillt schon über und wird überdies von zahlreichen Kleinstlebewesen bevölkert. Jetzt habe ich aber keine Zeit, die Mülltonne an die Straße zu fahren. Für Sekunden wäge ich auf der-Arbeit-zu-spät-kommen gegen erbosten Nachbarn ab und entscheide mich dann für letzteres. Ich bitte den ehemaligen Kriminalkomissar, unsere Mülltonne an die Straße zu stellen und ernte nur ein empörtes Schnaufen.

Jetzt muss ich aber laufen, um die Bahn zu erreichen. Ich verfluche, dass ich mich immernoch nicht im Fitnessstudio angemeldet habe. Kurz vor dem Kollaps erreiche ich den Bahnsteig und nur der Barmherzigkeit der Schaffnerin ist es zu verdanken, dass ich den Zug nicht verpasse. Den Zug erreicht, lasse ich mich auf einen Sitz fallen und ringe nach Atem. Erst nach zwei Haltestellen beruhigt sich mein Atem langsam. Eine ältere Frau neben mir guckt schon ganz besorgt ob meiner Atemnot. Ich bemühe mich zu einem Lächeln und versichere ihr, ich hätte kein Asthma, sei nur untrainiert.

Der Zugbegleiter nuschelt durch die Lautsprecheranlage „Fahgäschte bitte linksch auschteign“. Erfahrene Bahnfahrer kennen diesen Code. Sie wissen dann, dass sich an der nächsten Haltestelle die linke Tür öffnen wird. Alle anderen fühlen sich angesichts dieser Durchsage leicht verunsichert, aber die meisten von ihnen verlassen den Zug trotzdem durch die geöffnete, richtige Tür.

Der frühmorgendliche Sprint hat mich einiges an Kraft gekostet. Meine Beine fühlen sich an wie Wackelpudding. Am Alexanderplatz steige ich etwas verlangsamt aus dem Zug. Ein Mann, der zusteigen möchte, ruft mir zu „Mädel, ick will hier nich einschlofen!“ So ist er, der Berliner – er trägt sein Herz auf der Zunge.

Die Zeit im Büro verbringe ich ohne weitere Zwischenfälle. Dann heißt es: ab ins Nachhilfeinstitut. Heute erwartet mich eine neue Sechstklässler-Vierergruppe in Mathe. Ein Mädchen strahlt mich an:“Sie sehen aus wie meine Kusine, die hat auch ne Brille und Hautprobleme!“ Einen Moment zögere ich, wie ich auf dieses zweifelhafte Kompliment reagieren soll, schließlich bedanke ich mich höflich. Der Nachhilfeunterricht verläuft ganz ok, bis auf dass ein Junge ständig vorgibt, sich selbst zu erstechen und ein anderer hinter meinem Rücken Tänze aufführt – zur Belustigung der anderen.

Unter diesen Umständen ist es nicht gerade einfach das Umrechnen in andere Einheiten verständlich zu erklären. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich schuldig fühle, weil ich meinen eigenen hohen Anforderungen nicht gerecht werde. Oje, schon wieder left vishuddhi – jetzt fühle ich mich gleich doppelt schuldig.

Schließlich befinde ich mich auf dem Weg nach Hause und der Gedanke an ein Fußbad und eine Folge von King of Queens gibt mir wieder Kraft. Aber habe ich nicht den ganzen Tag „Queen of Berlin“ genossen?

3 Responses to “Die Sahaj-Kolumne: Queen of Berlin”

  1. Der Nachbar Says:

    Sehr interessanter Beitrag, denn es ist wirklich so unser Leben gleicht einer Sitcom und wir sind die täglichen Hauptdarsteller. Manchmal fühle ich mich wie Stromberg, Obwohl ich schon seit mehreren Jahren kein eigenes Fernsehen habe und auch selten schaue. Die vielen Jahre in dene ich alle sitcoms gesehen habe, um nur ein paar zu nennen: Bill Cosby, unser lautes heim, 90210, Alf, 21 Jump Street, der Prinz von Belvedere, unter uns, gzsz, Fürstenhof, Lost, Friends etc.
    Ich habe es Immer geliebt Teil deren Geschichte zu erleben
    Und war immer gespannt herauszufinden
    Wie wird es weiter gehen und was passiert am Schluss,
    Ah eine Sitcom fällt mir noch ein mit Steve urkel, die ich gerne gerben habe. Warum nun das Ganze: einfach weil man sogar in den sitcoms sich manhmal selber sucht und womöglich parallelen zuweilen eigenen leben entdeckt aber auch manchmal weil man sich nach einm anstrengend Tag in der man die Hauptrolle in seiner eigenen Sitcom gespielt hat und sich nun in die Rolle des Zuschauers begbn möchte…am Ende vom Tag hat’s man ja auch malverdient gell :0) wobei etwas wichtiges noch gsagt werden musswas du sehr richrichtig beschririeben hast: jede kuschelsekunde am morgen bedeutet eine meditationssekunde. Und gerade am morgen sollte die Meditation tief sein damit wir auch in unserer eigenen Sitcom in die Rolle des betrachtenden Zuschauers hüpfen können.

    With Love
    Der nachbar

  2. Ronald Says:

    Du bist echt lustig, Annika. Habe mich wirklich amuesiert.. LG Ronald

  3. Bärbel Says:

    Annika :-) ) Die Kusine mit Brille hat mich völlig aus der Fassung gebracht. Viktor hat ganz komisch geschaut als ich im abendlichen stillen Büro plötzlich vor dem Bildschirm laut quiekend Tränen lachen musste. Dafür hast du wirklich ein Honorar verdient!!
    Lieber Gruß, Bärbel

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